von Milka » 26.01.2009, 22:01
Mein Kind ist autistisch
Marion K. traf die Diagnose wie ein Schlag: Ihr zweijähriger Sohn ist autistisch. "Wir hatten erst geglaubt, Tobias sei vielleicht schwerhörig, weil er kaum auf Ansprache reagierte", erzählt die Mutter dreier Kinder. "Aber nachdem wir dem Arzt ein bisschen mehr über Tobias erzählt haben, dass er seit dem Säuglingsalter auch von allein viel zu wenig Kontakt zu uns Eltern suchte, wurde er hellhörig."
Zahlreiche Tests und Untersuchungen folgten, bis die endgültige Diagnose feststand.
Autismus gehört vielleicht zu den geheimnisvollsten Krankheiten. 2 bis 4 von 10.000 Kindern sind betroffen. Jungen erkranken dreimal so häufig wie Mädchen. Autisten zeichnen sich durch starke Selbstbezogenheit aus, sowie durch Störungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation und im Verhalten.
Größere Bekanntheit erlangte die Krankheit durch den Film Rainman.
Dustin Hoffman spielt einen erwachsenen Autisten, der nicht in der Lage ist, seinen Alltag zu bewältigen, jedoch durch Inselbegabungen für Furore sorgt. So kann er mit einem Blick die genaue Anzahl von einem größeren Haufen Streichhölzern ermessen.
Auch der Fall Birger Sellin führte dazu, dass dem Phänomen Autismus größere Beachtung zukam. Anfang der neunziger Jahre schrieb der damals 17jährige ein Buch "Ich will kein inmich mehr sein." Möglich wurde dies durch die Facilitated-Communication-Method (FC) - die gestützte Kommunikation. Das Buch wurde ein Bestseller und gab Einblick in die große Einsamkeit des in sich selbst isolierten jungen Mannes.
Als Ursache der Krankheit werden genetische und neurobiologische Faktoren genannt. Aber auch eine grobe Vernachlässigung bei entsprechender genetischer Veranlagung kann für die Krankheit verantwortlich sein. Dann spricht man vom psychogenen Autismus. Die Krankheitssymptome verschwinden beim psychogenen Autismus bei intensiver und dauerhafter Zuwendung wieder.
Bei den anderen Fällen von Autismus ist dies nicht der Fall. Das Verhalten der Eltern spielt hier keine Rolle. "Aber selbstverständlich habe ich mir große Sorgen gemacht, dass ich schuld sein könnte", erzählt Marion K. Erst die umfassende Aufklärung durch den Arzt konnte ihr das Schuldgefühl nehmen und größeres Verständnis für die Krankheit und ihren Sohn ermöglichen.
So wird somatogener Autismus durch schwere Schädigungen des Gehirns verursacht, z.B. durch Hinentzündungen.
Beim Asperger-Syndrom, einer weiteren Unterart des Autismus, treten die Symptome ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr auf. Hier kommt es zu einer Verzögerung der Sprachentwicklung, was aber keinen Einfluss auf den endgültigen Spracherwerb haben muss. Doch auch hier ist die geringe Kontaktfähigkeit der Kinder markantes Merkmal. Mangelnde Aufmerksamkeit und Impulsivität können trotz großer Intelligenz zu Lernschwierigkeiten führen.
Das Kanner-Syndrom wird ebenfalls als Unterart des Autismus eingestuft, Experten sind sich aber nicht sicher, ob es sich dabei nicht lediglich um eine ausgeprägtere Variante des Asperger-Syndroms handelt.
Hier vermeiden die Kinder schon im Säuglingsalter den Blickkontakt und suchen keine körperliche Nähe. Sie scheinen von der Existenz anderer Menschen kaum Notiz zu nehmen. Bei fünfzig Prozent dieser autistischen Kinder kommt es zu keiner Sprachentwicklung. Die Kinder entwickeln ab der mittleren Kindheit Spezialinteressen, sie beschäftigen sich unter Umständen fast ausschließlich mit Fahrplänen, Verkehrslinien oder Mustern.
Stupide Bewegungen, die häufig wiederholt werden, sowie selbstverletzendes Verhalten sind Kennzeichen des Kanner-Syndroms.
Für Marion K. bedeutet die Krankheit von Tobias die lebenslange Sorge und Betreuung ihres Kindes. "Aber ich gebe nicht auf, ich hoffe, dass in naher Zukunft weitere Therapien und Medikamente gefunden werden, die eine effektive Hilfe darstellen", so die Mutter hoffnungsvoll.